Sonntag, 27. November 2016

Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis [REZENSION]

Der Märchenerzähler
von Antonia Michaelis
8,99€
Oetinger-Verlag

Inhalt:
Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden?

Meine Meinung:
Achtung: Spoiler-Warnung!
Lange Zeit habe ich den Märchernerzähler in der Bücherei gesehen und dann schließlich auch mal endlich ausgeliehen. Das Buch wird von sehr vielen als extrem gut gelobt und wirkt so mysteriös, dass es direkt mein Interesse geweckt hat.
Wir lernen also die Figuren kennen. Anna ist eine sehr naive, eher kindliche Persönlichkeit die in einem guten, geborgenem Haushalt aufwächst und gerade kurz vor ihrem Abi steht. Mit ihr konnte ich mich besonders zu Anfang sehr gut identifizieren aber mit der Handlung des Buches ließ das deutlich nach. Viele ihrer Handlungen waren für mich vollkommen unverständlich und ihre Entscheidungen finde ich teilweise echt seltsam. Annas Freunde, allen voran ihre beste Freundin Gitta, haben eine etwas sonderbare Art. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie alle etwas erwachsen wirken. Genau kann ich das nicht bestimmen aber wenn Annas Freunde auf dem Schulhof oder auch zuhause beschrieben werden habe ich dabei nicht das Bild von 17-jährigen Gymnasiasten, wie ich das z.B. von meiner Schule kenne, im Kopf.
Allerdings ist der Schreibstil des Romans ein großer Pluspunkt an diesem Buch. Der Anfang mit der englischen Ballade war sehr Stimmungsvoll und hat mir wirklich sehr gut gefallen. Der Schreibstil durch das ganze Buch hinweg ist sehr anschaulich und schön und die Autorin arbeitet mit vielen Bildern, die die Geschichte wirklich aufwerten.
Dann ist da noch Abel. Mein allererster Eindruck war, dass er mich total an "Tschick" aus dem gleichnamigen Buch erinnert. Er ist ein ausländischer, armer Junge, der in einer altmodischen und heruntergekommen Wohnung lebt und in der Schule durch ungewöhnliches Verhalten auffällt. Er schläft immer im Unterricht und dealt mit Drogen auf dem Schulhof. Später erfährt man ja durchaus seine Beweggründe, er kümmert sich wirklich hingebungsvoll um seine kleine Schwester, aber richtig warm konnte ich mit Abel nie werden. Er ist so mysteriös, dass es zeitweise einfach nur noch ein gruseliger Charakter ist und auch die abweisende Art, mit der er Anna behandelt hat war mir nicht sympathisch. Anna rennt ihm dauernd auf seltsame Art hinter her und er ist immer abwechselnd abweisend und interessiert. Er küsst sie und sagt ihr dann, dass sie verschwinden soll. Der Beginn dieser Liebesgeschichte, die ja groß beworben wird, kann ich in dieser Hinsicht nicht verstehen. Ich fand es unangenehm, wie aufdringlich Anna zu Beginn ist, obwohl sie ja eigentlich keine Erfahrung mit Jungs hat. Aber auch später finde ich diese Liebesbeziehung einfach nicht so "zu Herzen gehend" wie angekündigt. Abel begeht einige unverzeihliche Dinge und Anna verzeiht ihm eine Vergewaltigung (an IHR) und drei Morde weil er "seine Gründe und eine schwere Kindheit" hat? Für mich einfach nicht nachvollziehbar.
Abels Märchen ziehen sich durch das ganze Buch und geben der ganzen Geschichte einen mysteriös-gruseligen Touch. Ich kann verstehen, wenn man sie total super findet, da sie die Geschichte bestimmt für einige auch interessanter machen können. Ich hatte allerdings das Gefühl, die ganze Zeit auf irgendwas zu warten, was nie gekommen ist. Die Märchenpassagen haben die Geschichte einfach eher unterbrochen und ich würde sie jetzt auch nicht als Meisterwerk der Poesie betrachten, sondern eher als unspektakulär ansehen. Auf der einen Seite ist es irgendwie interessant, wie man alle Personen als Figuren im Märchen wiederfindet aber entweder bin ich nicht empfänglich für irgendwelche Metaphern oder es passiert einfach nichts relevantes in den Märchen.
Das Ende kam wirklich unerwartet und ich muss dem Roman zu Gute halten, dass er nicht vorhersehbar war. Abels Schicksal hätte ich auf jeden Fall nicht erwartet und irgendwie finde ich es auch aus seiner Position heraus "dumm". Er regt sich über seine Mutter auf, die ihn und seine kleine Schwester einfach allein gelassen hat und dann tut er quasi das Selbe. Laut Anna hat er sich vorher "um alles gekümmert" aber mehr als ein Satz zu Anna, was mit Micha passieren wird, war da ja wohl auch nicht. Natürlich lässt sich das als Außenstehender leicht sagen, aber ich finde seine Entscheidung Micha gegenüber einfach nicht fair, sie liebt ihren Bruder und kann ja nichts dafür, dass er unbedingt drei Leute umbringen musste.
Die Auflösung der Morde hätte ich auch nicht erwartet. Es war ein ewiges hin und her zwischen den Verdächtigen. Die ganze Zeit habe ich gedacht, dass der extrem verdächtige und seltsame Bertil eine Rolle spielt und dann ist es doch einfach Abel? Die Lösung erschien mir irgendwie seltsam, ich weiß auch nicht wieso, aber ich wäre fest davon ausgegangen, dass er nicht alle Personen einfach auf dem gewissen hat. Das lässt ihn und seine Beziehung zu Anna einfach noch mal viel gruseliger und irgendwie falsch wirken.

Fazit:
"Der Märchenerzähler" konnte mich leider nicht wirklich überzeugen. Die Geschichte ist spannend und der Schreibstil ist wirklich anschaulich und sehr stimmungsvoll. Allein schon die Ballade am Anfang hat mir unglaublich gut gefallen. Aber leider sind mir weder Abel noch Anna wirklich sympathisch geworden und ihre Handlungen konnte ich nicht nachvollziehen. Anna verzeiht zu viel und Abel ist zeitweise einfach nur noch gruselig. Ihre Liebe hat für mich einfach nichts berührendes und ich weiß nicht, wieso Anna sich immer noch einem dreifachen Mörder der sie auch noch nebenbei vergewaltigt hat an den Hals werfen kann. Das Ende kam sehr überraschend, aber hat mich auch unbefriedigt zurückgelassen, da ich Abels Entscheidung irgendwie feige finde. Insgesamt leider enttäuschend.


2,5/5 Punkten

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